Kinderkram // zu viel des Guten

Clean Eating Weihnachtsplätzchen

Uns modernen Eltern wird ja häufig nachgesagt, dass wir zu verbissen seien. Zu ehrgeizig, erfolgsorientiert, spaßbefreit... wie schnell man in die Ambitionsfalle tappen kann, habe ich im Laufe der letzten zwei Wochen am eigenen Leib erfahren dürfen. Dabei fing alles ganz harmlos an. Ich wollte mit dem Kind Kekse backen. Weil ich Wert auf gesunde Ernährung lege und gerne mal den ein oder anderen Cleaneating-Blog durchstöbere war schnell klar: Aber GESUND sollen sie sein, bitteschön!

Ist ja auch alles ganz einfach, haben sie gesagt. Klar schmeckt das anders - aber immer noch gut, haben sie gesagt. Und weil ich Vollkorn und Quinoa und all die anderen exotisch anmutenden Lifestyle-Nahrungsmittel wirklich gerne mag, dachte ich mir "wird schon schief gehen!" 

Kekse backen mit Kind Vollkorn clean eating gesund
das Corpus Delicti im Vordergrund

Den klassische Grundteig (reicht etwa für vier verschiedene Sorten Kekse) habe ich wie folgt modifiziert und verarbeitet:

  • 900 g Weizenmehl (ersetzt durch 500 g Kamutmehl & 400 g Dinkelvollkornmehl)
  • 300 g Zucker (ersetzt durch 300 g Rohrohrzucker)
  • 1/2 TL Salz
  • 600 g Butter (ersetzt durch ca. 200 g Apfelmus & 400 g Butter)
Die Zutaten wurden zu Streuseln geknetet und dann mit vier Eiern (und etwas Wasser, weil das Vollkornmehl mehr Flüssigkeit braucht als Weizenmehl) zu einem Teig verarbeitet. Laut Rezept hätte man den Teig nun teilen sollen, daran war aber nicht zu denken. Die klebrig-zähe und uneinheitliche Masse erwies sich als äußerst widerspenstig. Nach viel Gefluche und der Zugabe von noch mehr Mehl und gemahlenen Nüssen (Haselnüsse & Mandeln) ließen sich zumindest einzelne Fetzen ablösen und je nach Rezept verfeinern:
  • Spitzbuben: + gemahlene Haselnüsse
  • Zimtplätzchen: + 2 TL Zimt, 1 Pck. Vanillezucker, 2 EL Rohrohrzucker, gemahlene Haselnüsse
  • Schokomännchen: + Schokocreme (reichlich!), Mehl & gemahlene Nüsse
  • Erdnussmonde: + gemahlene Haselnüsse
Die gemahlenen Nüsse habe ich frei Schnauze dazugegeben, bis der Teig sich zu glatten Bollen formen ließ. Ab in den Kühlschrank damit und durchatmen. Das Kind hatte übrigens zu diesem Zeitpunkt bereits jegliches Interesse am Backen verloren. Tja.

Kekse backen mit Kind Vollkorn clean eating gesund
Liebevoll und mit viel Eifer vom Kind dekoriert - hauptsächlich, weil die Deko so "gut schmeckt". Aha.

Tags darauf ging es dann ans ausrollen und ausstechen. Hier traten wahrhaft erstaunliche physikalische Eigenschaften des Teiges zu Tage: Er war unfassbar bröselig und klebrig zugleich - Schrödingers Keksteig quasi. Das Kind (gelangweilt) und ich (auf Hundertachtzig) quälten uns tapfer durch viele Bleche - immerhin waren die mit 6-8 Minuten pro Blech schnell gebacken - um dann festzustellen, dass das fabrizierte Backwerk in erster Linie eins war: muffig. Frisch aus dem Ofen kommend und schon MUFFIG!

Um beim Sprössling ein Backtrauma zu vermeiden, wurden nun endgültig alle guten Restvorsätze über Bord geworfen und mit reichlich Schokolade, Zuckerguss, Marmelade, Erdnussbutter und Puderzucker endlich etwas Geschmack an das greuliche Gebäck gebracht. Das Ende vom Lied: genießbar sind sie nun, die Cleaneating-inspirierten Kekse. Nächstes Jahr backen wir dann aber wieder nach bewährtem Rezept.

Fazit:
Schwierigkeitsgrad: nervtötend bis unmöglich
Zeitaufwand: zu lang
Spaßfaktor für Eltern & Kind: 0
Geschmack: -2 (2 nachdem wir kräftig geschummelt haben)

Wer keine Kinder hat, dafür aber viel Zeit, Geduld und eine gehörige Portion Masochismus mitbringt, der wird an einer Cleaneating-Variante der klassischen Weihnachtsplätzchen vielleicht seine Freude haben. Ich für meinen Teil bleibe bei viel frischem Gemüse, Obst und Vollkorkprodukten in der Küche. Meine Kekse und Kuchen dürfen guten Gewissens weiterhin etwas ungesund sein. Seelenheil und Familienfrieden sind mir dann doch wichtiger. Und - gesund oder nicht - beim Essen hat der Genuss und die Freude an der Zubereitung für mich nach wie vor den höchsten Stellenwert.


Kommentare:

  1. "Gesund" ist für mich sowieso schon das Unwort der Blogosphäre schlechthin... jeder Depp teilt mittlerweile irgendwelche "gesunden" Rezepte, die sich in erster Linie durch exotische Zutaten und kreative Ersatzmöglichkeiten auszeichnen. (Woran "gesund" sich festmacht, ist oft nicht ersichtlich, und oft genug meint's so viel wie "ich gönn mir gar nichts, was sich der Mainstream gönnt".) Ich vermute ja oft, dass es auch gar nicht ums "gesund" ernähren geht, sondern vor allem darum, sich selbst ein Stückchen besser zu fühlen - vom Mainstream ein bisschen distanzierter zu leben und sich dann einbilden zu können, etwas besser zu machen.
    So, aber unabhängig davon - ich mag gar keine Plätzchen. Außer sie haben Marmelade drauf. :D Von denen macht meine Familie aber grundsätzlich am wenigsten. Pfüh!

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    1. Ja, der Begriff wirkt schon ein wenig überstrapaziert. Ist allerdings ein allgemein zu beobachtender Trend in einer Gesellschaft, in der wir unsere Gesundheit hauptsächlich durch Ernährung und Sport positiv beeinflussen können, weil die medizinischen und hygienischen Standards so hoch sind.

      Und dann spielen da ja noch gesellschaftliche und moralische Komponenten mit rein: Sklaverei, Kinderarbeit, Pestizide, sonstige kuriose Inhaltsstoffe... Die Verunsicherung ist groß und da bleibt als letzte Zuflucht häufig der vermeintlich saubere Biomarkt.

      Und ganz sicher gibt es auch nicht gerade wenige, die sich anhand ihrer Ernährung überlegen fühlen. Gab es schon immer und wird es wohl leider immer geben. Gut, wenn man sie ignorieren kann.

      Ich persönlich definiere das für mich so: Möglichst abwechslungsreich und vollwertig, wenig stark verarbeitete Lebensmittel, wenig Süßkram. Kekse mag ich wahnsinnig gerne, aber ich hasse backen... :)

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  2. :)) ich musste so lachen beim lesen!
    Ohje, ja, ich kenn das auch...
    Schöne Weihnachtszeit!

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    1. Danke gleichfalls. Aus Schaden wird man ja bekanntlich kluch! :)

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  3. :D Wirklich gut geschrieben! Da kommen Erinnerungen hoch ...
    Hatte auch mal eine sehr extreme Phase; Weißmehl und raffinierter Zucker absolut tabu ABER Plätzchen mussten trotzdem gebacken werden. Also in Eigenregie einfach Weißmehl komplett durch Vollkorn ersetzt, statt Zucker Honig. Das Ergebnis waren zwar ausstechbare aber nach dem Backen total trockene Kekse. Das seltsamste war aber, dass die Pätzchen sind irgendwie komisch "aufgebläht" haben, also innen entstand ein "Luftkissen" mit ner dünnen Schicht Teig drumherum.
    Da esse ich lieber 3 ungesunde Kekse, die ich auch genießen kann, als 6 gesunde, die man runterwürgen muss

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    1. Danke, geht mir ganz genauso: lieber Süßes in Maßen genießen.

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  4. Hahahahaha, durch dieses Paradoxon musste ich auch schon mal durch.^^ Hab mich dann entschieden, dass es manche Dinge wohl einfach nicht in gesund gibt und Weihnachten nur einmal ist. Ich ess lieber nicht dauernd Süßkram (bzw. doch, würde ich natürlich am liebsten, aber geht ja nich..)aber wenn, soll es lecker sein. Bei der ganzen sonstigen Ernährung geht es ja komischerweise auch in gesund UND lecker.

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    1. Ich halte es jetzt auch so. Man muss nicht in allen Bereichen perfekt sein. So lebt es sich im Durchschnitt auch gut, aber deutlich entspannter! :)

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  5. Schön, dass du den fail tatsächlich gepostet hast. Solche Beiträge würde ich gerne viel öfter lesen!
    Da kann ich gleich mit viel besserem Gewissen Omas Mürbeteigkekse anknabbern während die gesund essenden Menschen sich ruhig ihre Selleriestange schmecken lassen sollen ;D

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    1. Es war eine heilsame Erfahrung, die wollte ich euch um keinen Preis vorenthalten... :)

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