Kinderkram // Glaubenskriege

Wer mit Kindern unterwegs ist, muss sich unweigerlich mit vielen Fragen auseinandersetzen, die in der kinderlosen Zeit eher unwichtig erschienen. Der Umgang mit Impfungen ist eines dieser Themen, aktuell befeuert durch den Ausbruch der Masern in Berlin und den USA. Auf Magimania ist gestern ein Übersichtsartikel von Agata erschienen, der viele Hintergrundinformationen und Links zur Impfdebatte (mit Fokus auf Aluminium) enthält. Adelblass & Kunterbunt setzt sich differenziert mit den Studien zu Aluminium und Brustkrebs sowie Alzheimer auseinander. Absolut lesenswert! Auch ich habe mich im Rahmen meiner Arbeit für die Helmholtz-Gesellschaft mit dem Thema auseinandergesetzt und einen Wissenschaftscomic rund um Masern, Impfung und den Weg dahin gezeichnet.


Im Comic habe ich mich um eine klare, aber möglichst neutrale Herangehensweise bemüht. Ich möchte unsere Leser für das Thema sensibilisieren und interessieren. Da ist es wenig konstruktiv, wenn man sich gegenseitig vorargumentiert, warum der jeweils anders denkende unrecht hat. Persönlich stehe ich heute klar auf der Seite der Imfpbeführworter. Naturwissenschaftlich ausgebildet und geschult war es für mich nie ein Problem, die biologischen Grundlagen nachzuvollziehen und mir Informationen zu beschaffen. Während meiner Schwangerschaft habe ich mich trotzdem zeitweise massiv verunsichern lassen.

In Schwangerschaft und Wochenbett geht man durch viele Hände. Kompetent sind die meisten davon, weswegen ich in dieser mir völlig neuen Lebenssituation gerne und aufmerksam zugehört habe. Auch die Impfrage wurde aufgeworfen und das auf eine sehr unaufgeregte, nachvollziehbare Art und Weise. Von Gesunderhaltung war da die Rede. Von Stärkung des Körpers und Entwicklungsschüben nach einer gut überstandenen Kinderkrankheit. Es entstand der Eindruck, dass diese Krankheiten zwar lästig und unangenehm aber keinesfalls (lebens)bedrohlich seinen. Eine Fehlinformation, die fatale Folgen haben kann.

Eines wird schnell klar, wenn man sich mit der Thematik auseinandersetzt: es tobt ein erbitterter Glaubenskrieg zwischen Befürwortern und Skeptikern. Bei meiner Recherche zum Comic stieß ich überraschend unmittelbar auf Impfgegner mit großem Sendungsbewusstsein für ihre jeweiligen (Un)heilsbotschaften. Viel persönliche Meinung, ängstigende Behauptungen, konstruierte (da nicht belegbare) Zusammenhänge, gewürzt mit einer deftigen Prise Polemik. Auf der Gegenseite stehen jahrzehntelange medizinische Erfahrungen, Statistik und eine Vielzahl unabhängiger Studien. Beide Seiten neigen dazu, einen absoluten Wahrheitsanspruch für ihre Überzeugung geltend zu machen. Schwierig.

Egal ob Impfungen, Aluminium, Hefeextrakt… auch in meinem privaten Umfeld wird viel diskutiert und häufig - nicht immer - Halbwissen mit Fakten gleichgesetzt. Ich finde das ermüdend. Wenn persönliche Meinung und selektive Informationsbeschaffung eine differenzierte Herangehensweise ersetzen, mag ich meist nicht mehr mitdiskutieren. Für mich ist nach langer Auseinandersetzung mit dem Thema klar, welche Richtung meine Familie einschlägt: Mein Kind ist geimpft. Mein eigener Impfschutz wird demnächst aufgefrischt.

Ebenso klar ist aber auch, dass jeder von uns nur schwer von seinen Überzeugungen abzubringen ist. Wir handeln ja meist nach bestem Wissen und Gewissen und mit den besten Absichten. In letzter Konsequenz bleibt die Entscheidung zu Impfen eine persönliche. Die möglichen Folgen sind es leider nicht, denn mit jedem umgeimpften Mitglied einer Gruppe steigt das Risiko für alle gleichermaßen. Was uns fehlt, ist eine Strategie oder Kampagne, die möglichst viele Menschen erreicht und dabei ohne Angstszenarien und Überheblichkeit auskommt. Wie denkt ihr darüber?


Wenn ihr mehr Informationen zum Thema sucht, verweise ich an dieser Stelle nochmals auf den Comic. Im Begleittext habe ich einige Quellen zusammengetragen, die ich persönlich hilfreich fand. Schaut dort mal rein. Wir freuen uns auch immer über Feedback zur Herangehensweise an diese schwierige Thematik sowie zum Comic allgemein.


Kommentare:

  1. Vielschichtiges Thema (und schön, dass es hier aufgegriffen wird)! Ich hab den Artikel von Agata gestern auch gelesen und zum ersten Mal von diesen Zusammenhängen gehört. Ich bin Geistes-, kein Naturwissenschaftler, und ich habe einfach keine Lust (ja sorry, ich weiß, für "keine Lust" ist das Thema eigentlich zu wichtig), mich da groß einzulesen. Mein Kind ist geimpft, ich mittlerweile auch (macht halt der Kinderarzt gleich mit^^), weil ich den Argumenten von Leuten, denen ich vertraue, hier glaube. Also Leuten, denen ich zutraue, dass sie sich da kritisch informieren und die Informationen auch verstehen und verarbeiten können und mir ohne eigene Interessen ihre Ergebnisse präsentieren. Bei großen Kampagnen würde ich vielleicht schon wieder skeptisch, dass sie von Lobbies gesponsert wären, wie die für Milch oder Bärchenwurst. Was war die Frage.. Ach ja, neulich, als die Masernepidemie ausgebrochen war, hatte mein Kind noch gar keine Impfung dagegen. Die war turnusmäßig erst letzte Wche dran. Hätte man jetzt auch Pech haben können, aber das Schlimmste passiert zum Glück häufig gar nicht. Schöne Ostern insoweit! Gruß, Anna

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  2. .. Ich meinte den Zusammenhang von Impfgegnern und Aluminium!

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  3. Ich finde impfen auch echt wichtig. Im Ernstfall kann das schon sehr nützlich sein. Wir wurden damals sogar gegen Gebärmutterhalskrebs geimpft. Ob es hilft oder nicht, schädlich ist oder nicht, weiß man leider nicht. Das muss halt wirklich jeder für sich selbst entscheiden.
    Grüße
    Annie von
    todayis.de

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  4. Mein Kind ist ebenfalls geimpft. Es hat sogar die "böse" Rotaviren-Impfung bekommen (die hat der Kinderarzt einfach mitgemacht, ohne mich explizit zu informieren, dass das ein nicht unbedingt nötiges Extra ist – auch nicht sehr okay).

    Als meine Tochter gerade geboren war, sprach mich die Hebamme aufs Impfen an. Sie ist eine klare Impfgegnerin und hat mich in meinem Wochenbett-Verbimmelt-Sein ziemlich verunsichert. Sie sprach von Impf-Lobby und tödlichen Impffolgen und der verschwörerischen Pharmaindustrie und wollte mich zum Anschauen einer diesbezüglichen Doku auf DVD überreden...nicht gerade das, was man so brauchen kann im Wochenbett.

    Ich habe dann mal mit meinen Eltern gesprochen. Wie sie das bei uns damals entschieden haben. Mein Vater ist zudem Apotheker, und so fragte ich ihn, ob er eigentlich seitens der Kundschaft (er hat nen Kinderarzt im Haus) mal konkrete Impfschäden erlebt hat. Hat er nicht. Dafür hat er mir so einiges über Kinderkrankheiten erzählt, und warum er mit meiner Mutter damals entschieden hat, uns durchimpfen zu lassen.

    Wir haben uns dann für die Impfungen entschieden. Fühlte sich einfach besser an. Und bisher hat das Töchterchen alles ohne Probleme vertragen.

    Wir leben in Berlin – ganz ehrlich, mit einem ungeimpften Kind wäre mir während des akuten Masernausbruchs der Arsch auf Grundeis gegangen. Aber vielleicht ist das auch nur meine persönliche Zimperlichkeit.

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  5. Adelsblass und Kunterbunt15. April 2015 um 22:34

    Eben erst diese famose Serie entdeckt, ganz, ganz großartig! Werde mich mit Freuden durch die anderen Episoden klicken!

    :-)

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