Kinderkram // das große Fressen

Ich halte einen Augenblick inne und sehe mich um: auf dem Spielplatz, beim Kinderturnen, in der Innenstadt, Im Zoo, Tierpark und Schwimmbad und sehe… essende Kinder. Man kommt irgendwo an und hat sich noch nicht einmal den Rucksack von den Schultern gestreift, da ploppt bereits irgendwo der Deckel einer Tupperdose verheißungsvoll auf oder ein sanftes Tütenrascheln zieht die Aufmerksamkeit aller Zwerge in Hörweite auf sich. Endlich Futter!

Es scheint mir mittlerweile, als könnten sich unsere Sprösslinge keine zwanzig Minuten irgendwo aufhalten ohne lautstark nach Nahrung zu verlangen oder ungefragt welche angeboten zu bekommen. Mein Sohn liebt essen und würde sich pausenlos Leckereien reinschieben, wenn er könnte. Mir war es deswegen von Anfang an wichtig, dass wir unsere Mahlzeiten gemeinsam, am Tisch und in Ruhe zu uns nehmen. Weil Essen etwas besonderes und schönes ist, das man wertschätzen lernen sollte.


Zelebrieren statt nebenbei reinschaufeln. Eile mit Weile. Ihr wisst, was ich meine. Sind wir länger unterwegs, gibt es auch mal ein Picknick, aber auch das in einem bestimmten Rahmen, mit Anfang und Ende. Dieses pausenlose und sinnfreie Mampfen dagegen geht mir gehörig auf den Zeiger. Ich verstehe die Logik dahinter auch nicht, denn keines dieser zweifellos privilegierten Kinder hat auch nur einen Tag in seinem Leben Hunger leiden müssen - dem Überangebot an Obst, Nüssen, Rosinen, Fruchtschnitten, Quetschies, Brezeln, Salzstangen, Bonbons, Schokolade, Reiswaffeln, Hirsebällchen etc. sei Dank.

Mein Sohn wächst in einer Alltagswelt auf, in der Essen allgegenwärtig erscheint und eingefordert wird, wenn es mal nicht da ist. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, war das irgendwie anders. Essen war großartig, keine Frage (Ist es heute immer noch), aber eben nicht so dominant. Essen war Teil eines Abenteuers. Mais, Pfirsiche oder Sonnenblumen stehlen. In aller Herrgottsfrühe wach werden und mit den ersten Sonnenstrahlen auf der Nase in Omas Garten Himbeeren und Tomaten vom Strauch klauben. Marmelade kochen. Brot backen. Frische Erbsen aus der Hülse naschen. Nestwarme Hühnereier einsammeln… und dann tausend andere Dinge erleben.

Es gibt allein bei uns in Deutschland geschätzt eine halbe Million Kinder, die wirklich Hunger leiden, während andere völlig überflüssig vollgestopft werden. Liebe Eltern, wagen wir doch ein kleines Experiment. Lasst die Futtersäcke mal daheim und schenkt euren Kindern zwei wundervolle Erfahrungen: 1. Es gibt spannendere Dinge da draußen als den Inhalt von Mamas (oder Papas) Tupperdose und 2. Essen ist immer noch dann am schönsten, wenn man es gemeinsam und in Ruhe genießen kann.


Randnotiz: Eine Freundin hat das mit Kind Nummer 1 knallhart durchgezogen - keine Snacks, keine "Geschenke" bei Bäcker, Metzgermeister und Co. Sie kam sich teilweise wie eine Geächtete vor. Jetzt, mit Kind Nummer 2 hat sie kapituliert. Das sollte einen doch nachdenklich stimmen.



Kommentare:

  1. Bei Kindern kann ich nicht mitreden, habe ja noch keine - ich erinnere mich daher einfach mal zurück: für meine Mutter war's immer wichtig, etwas zu trinken dabei zu haben. Sie war aber auch jemand, der immer drauf geachtet hat, dass wir keinen Hunger hatten. Ich bin mir sicher, das lag auch an den Kriegserfahrungen ihrer Eltern. (Man google an dieser Stelle Kriegskinder + Trauma + Enkel). Ich hätte mir aber auch gewünscht, dass man sich um's Essen weniger Stress macht - fällt ja noch lange keiner vom Fleisch, nur weil's mal nicht sofort etwas gibt.

    Oh, noch ein Punkt. In Fernseh-Serien ist das auch so - da wird ständig und quasi dauernd gegessen. Als hätten die Leute nichts anderes zu tun. Das beeinflusst sicher auch die Zuschauer. :)

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    1. Die Generationen-Thematik ist ein sehr spannender Aspekt und beleuchtet die Thematik noch einmal in einem anderen Licht. Ich habe den Eindruck, dass bei unserer (meiner) Generation andere Mechanismen greifen. Welche das sein sollen, ist mir allerdings noch schleierhaft. :)

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    2. :) Ich hatte darüber auch noch nie nachgedacht. Für mich war immer klar: meinen Eltern ging's gut, sie hatten die Kriege ja nicht mehr erlebt. Ich folge aber einigen Historikern auf Twitter, die rege zum Thema "vererbtes Trauma" twittern. Falls es interessiert - hier gibt's sogar einen längeren, frei lesbaren Artikel dazu: http://www.uni-forst.gwdg.de/~wkurth/psh/pv_hkwk.pdf
      Es ist wirklich wahnsinnig spannend, aber auch erschreckend.

      Tony Army möchte ich auch gern zustimmen... Konfliktvermeidung können wir alle richtig gut (da nehme ich mich selbst auch nicht aus, ganz im Gegenteil). Alles Dinge, die man sich später noch mühsam antrainieren muss, wenn mans nicht früh mitbekommt - sehr ärgerlich.

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    3. Die Vererbung von Traumasituationen ist extrem spannend. Eine gute Freundin (Kunsttherapeutin, früher auf der Palliativ, heute in der Psychiatrie tätig) hat mir das Thema näher gebracht.

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  2. Essen ist wohl leider zur Nebensache verkommen. Das ist immerhin etwas, was fast alle gesellschaftlichen Schichten in unserem Land gemein haben ... dahinter steckt meiner Meinung nach aber etwas ganz anderes:
    Dem Wunsch des Kindes nach Nahrung (vor allem süßer), kann man entweder sehr simpel nachkommen, oder man muss mit einem Konflikt rechnen. Konflikt ist aber genau das, was Eltern heutzutage gar nicht mehr können. "Dann kriegt er eben die Tafel Schokolade und er ist ruhig." Dieses elterliche Verhalten erlebe ich jeden Tag und da ist es egal, ob es um Essen oder Kleidung oder Technik geht ... keiner bekommt einen Rahmen, sondern allen wird Maßlosigkeit antrainiert.

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    1. Nicht nur das. Ich habe mir schon das ein oder andere "Nun lass ihn doch!" eingefangen, einfach, weil ich meinem Kind nicht alles durchgehen lassen möchte. Man muss nicht übertrieben streng und aggressiv sein, aber Kinder brauchen die Sicherheit elterlicher Grenzen und einer klaren Linie. Woran sollen sie sich sonst orientieren?

      Kurzfristig geht man dem Konflikt aus dem Weg, langfristig wird man die Kontrolle verlieren.

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  3. Huch, bist Du ich? Ebendiese Gedanken trieben mich neulich auch um. Beim Spielplatzbesuch waren wir ungelogen die einzigen Eltern, die keine Snacks dabei hatten. Mit der Konsequenz, dass dem Kiddo alle paar Minuten von irgendeinem wohlmeinenden Menschen ein Hirsekringel/Früchteriegel/Dinkelkeks angeboten wurde. Die es allesamt abgeleckt und dann begeistert im Sand vergraben hat.

    Der Höhepunkt war allerdings der Kommentar einer anwesenden Großmutter, die dem Kiddo mit den Worten "Och je, hat Deine Mama gar nichts für Dich eingepackt" ein Maxi-Obstquetschie überreichte.

    Leute, wir waren ne Stunde aufm Spielplatz, nicht in der Antarktis!

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    1. Wie ich sie hasse, diese zwanghaften über das Kind Kommunizierer. Ich reiß ja auch nicht jedem Kind das Essen wieder aus den Händen und rufe laut "Ooooh, will dich Mami wieder mästen?"

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  4. Oh, das sind bei mir offene Türen! Ich frag mich häufig, warum Kinder dauernd und ununterbrochen Essen müssen. Und man ständig was als letzten Trumpf dabei haben muss. Um das Kind mit nem Keks ruhig zu stellen, wenn es eigentlich was anderes braucht oder will? Muss aber zugeben, dass ich auf dieses Mittel auch gelegentlich ausweiche, und auch meine Mutter dabei erwische. Das rechtfertige ich aber mit der erst kürzlichen Umstellung von Stillen nach Bedarf (Bedarf war DAUERND) auf selbständige Nahrungsaufnahme bei gleichzeitiger Umstellung des Tagesablaufes.. Jaja, ausreden.^^ Gruß, Anna

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    1. Wir sind alle nicht perfekt und jeder kennt diese Situation in der man sich denkt "Ach, komm. Der eine Keks geht schon klar." Wenn das Ganze zur Gewohnheit und zum probaten Mittel wird, würde ich persönlich bei mir die Notbremse ziehen wollen. :)

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  5. danke. danke!

    ich habe drei Mädchen, die älteste ist in der Pubertät und bei allen drei war es von den ersten krabbelgruppenstunden an normal, dass man immer was zu essen dabei hatte.

    Nun gut, am Anfang dachte ich das wächst sich aus, aber noch heute, bei meiner Jüngsten nehmen viele Mütter teilweise Körbe mitbringen mit Essen, für zwei Stunden auf den Spielplatz! Warum?

    Die Kinder sind ja recht groß, die brauchen nicht stündlich Essen.

    ich bin anscheinend nicht so ländlich wie du aufgewachsen, aber auch für mich mitten im Ruhrgebiet ist man mit seinen Freunden rumgestreift, hat mal ein paar Rhabarber Stangen vom Nachbarn bekommen, oder sich den letzten Osterschokohasen geteilt.

    Man wurde zum Mittagessen reingepfiffen und zum Abendessen. Eventuell hat meine mutter allen Kindern ein Glas Orangensaft spendiert oder wir haben Sonntags 50Pfennig spendiert bekommen für eine gemischte Tüte.

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    1. So kenne ich das auch aus meiner Kindheit. Nahrung war bei uns schlichtweg nicht so omnipräsent.

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  6. Du sprichst mir aus der Seele. Und meine Beobachtunge sind so, dass es meistens die Eltern sind, die dem Kind auf dem Spielplatz überhaupt erst auf die Idee bringen, etwas zu essen. Hundertmal erlebt: Kind spielt friedlich im Sand. Mama/Papa brüllt von der Bank: Magst Du einen Apfel/Keks/Brezel....Kind wird aus dem Spielen gerissen nur um dann den Apfel/Keks/Brezel angelutscht im Sand zu beerdigen. Und ich frage mich jedesmal WARUM KANN MAMA/PAPA ES NICHT ERTRAGEN, DASS DAS KIND EINFACH FRIEDLICH SPIELT....

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    1. Das frage ich mich auch. Vielleicht frage ich da mal nach, wenn sich eine günstige Gelegenheit ergibt. :)

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  7. Das Dauergefuttere ist zwar heutzutage eine Sache für sich, aber evolutionstechnisch gesehen sind Kinder durchaus Daueresser. Da Frauen in der Urzeit nahezu ständig schwanger waren (es überlebte ja auch nur ein kleiner Teil der Zwerge und Verhütungsmittel gab es nicht) und mangels Kinderkrippe und Fertignahrung stillten, sowie mehrere Kinder mit sich herumschleppten, gingen sie nicht jagen, sondern in der Gruppe sammeln (mit 8-Monatsbauch, einem brüllernden Einjährigen auf dem Arm und zwei Nebenzwergen, die ständig irgendwo anhalten und irgendetwas anstarren, begrabbeln oder probeweise in den Mund stecken, lässt es sich schwer hinter einem Mammut her- oder vor einem Säbelzahntiger davonrennen). Dabei wurde dann wirklich ständig etwas in den Mund geschoben, was gerade so an den Zweigen hing oder unter dem Gras ausgegraben wurde. Kinder baruchten ja auch nahezu dauernd Energie (daher auch die angeborene Vorliebe für Süßes und schnell Verdauliches). Von daher: Ständiges essen ist in dem Alter normal.
    Dass wir nicht mehr nonstop unterwegs sind, sondern eine Menge Zeit vor dem Fernseher/Computer/einfach so auf dem Sofa verbringen und unsere Muskeln eben nicht den ganzen Tag über damit beschäftigt sind, Energie in Bewegung umzuwandeln, rückt die Frage nach der ständig verfügbaren Nahrung natürlich wieder in ein anderes Licht. Besondes "Modedrogen" wie Reiswaffeln, die angeblich gesund sein sollen, werden den Kleinen geradezu aufgedrängt und tragen (trotz niedrigem Fettgehalt) zu einer übermäßigen Kalorienzufuhr bei. Da Kinder immer noch gerne rundgefüttert werden (man braucht nur einmal zu gucken, wie sich das Körpergewicht bei Kleinkindern in den letzten Jahrzehnten verändert hat) und die Eltern die Meinung der Großeltern, ein bisschen Speck sei bei Kindern erlaubt (ja, damals, in den 40ern, als die Kider tendenziell unterernährt waren, da mag das gestimmt haben) noch immer ungefragt teilen, scheint sich die Dauerfutterei echt zu einem Problem zu entwickeln. Die Sorge um das Kind, die durch Füttern ausgedrückt wird, ist angesichts der allgemeinen Wohlstandssituation nun wirklich fehl am Platz. Und schlimm wird es tatsächlich, wenn Kinder nicht mehr in Ruhe spielen könen, weil Eltern alle Nase lang etwas neues auspacken und in sie hineinstopfen müssen. Wobei das mit der Beobachtung einher geht, dass Kinder heute (im Gegensatz zu meiner Generation) überallhin von ihren Eltern begleitet werden. Zum Spielplatz (unserer lag 2km weiter am anderen Dorfende), zum Kindergarten (neben dem Spielplatz), auf die Spielwiese, in die Schule.. überallhin werden Kinder heutzutage begleitet oder sogar gefahren, damit sie nicht unterwegs verschütt gehen. Helikopter-Eltern nennen Lehrer solche Eltern. Die erweiterte Form besteht dann eben nicht nur aus einem Hubschrauber-Vater/-Mutter, sondern aus einem Versorgungs-Hubschrauber, der alle 5 minute ein Care-Paket mit Reiswaffeln und Fruchtpürree abwirft.

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    1. Wundervoller Kommentar, dem ich mich mit Freude anschließe! :)

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  8. Hm...alle hier sind ja wirklich vorbildlich selbstbewusst,was das thema ernährung betrifft.
    Hier kommt einmal team "tupper,wenn ichs nicht vor aufregung vergesse"...ich musste grad echt schlucken,denn als zukünftige helikopter-mum hab ich mich noch gar nicht gesehen...trotzdem habe ich tatsächlich beständig angst,dass meine tochter hunger hat ^^ wie kommts? Tja...ich hab ziemlich lange gestillt.und mir nie sorgen mache müssen,konnte die uhr danach stellen und hab mich nie mit flüssigkeits und pulvermengen auseinandersetzen müssen. Trotzdem wollte ich gerne wissen,wie viel trinkt sie denn nun? Ich bin mikrobiologin,ich lebe für zahlen.also hab ich abgepumpt uns geguckt,wie viel schafft sie? Verdammte axt,es war immer unterschiedlich.und zwar nicht zu knapp! Also hab ich das wieder gelassen. Mittlerweile sind wir beim ünergang zum festen essen und ichmag keinen brei füttern. Ich biete ihr obst und gemüse in stücken an (und auch die vermaledeiten reisdonger,hirsebällchen...ja und den rest den es so gibt auch...)weil ich sicher gehen mächte,dass sie trotz "alleine essen" genug bekommt.stillen ist nänlich nur noch abends angesagt.
    Von daher...ich denke grad wirklich kritisch nach...mal sehen ob ich mich mal ohne verpflegung raus traue...aber ich hab noch keinem fremden kind was angeboten 😏 darauf käme ich nie...weiß ich denn,welche unverträglichkeiten die anderen haben...mikrobiologin...ja,durch und durch. Einen schönen abend noch und danke für den denkanstoß.

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    1. Es ist ja auch kein einfaches Thema und die Verunsicherung bei vielen Eltern groß. Wann hat mein Kind wirklich Hunger und ab wann wird das Essen zur Gewohnheit, weil einfach immer etwas angeboten wird?

      Wenn die Knirpse das Essen gerade lernen, nehmen sie viele kleinere Mahlzeiten zu sich. Wir haben z.B. lange fünfmal am Tag gegessen, davon drei Hauptmahlzeiten und zwei Zwischenmahlzeiten (meist Obst & Gemüse). Mir war und ist wichtig, dass es für die Mahlzeiten und Snacks einen festen Rahmen gibt. Ich habe heute auch meist was dabei (Banane, Apfel, Gurke, Paprika...), biete es aber erst an, wenn mein Sohn sagt, dass er Hunger hat.

      Wenn man aufmerksam und kritisch bleibt, kommt man mit seinem Bauchgefühl in solchen Situationen schon gut weiter, denke ich. Ich danke dir für deinen Beitrag zur Diskussion.

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